Deutsche Vergangenheiten im "extremen" 20. Jahrhundert

Eine Trilogie

 

In den letzten acht Jahren habe ich drei Lebenswege von Männern erforscht, deren Anfänge noch im deutschen Kaiserreich liegen.* Sie kamen aus unterschiedlichen Bevölkerungsschichten, Landschaften und familiären Kulturen. Gemeinsam ist ihnen nur, dass sie wichtige Abschnitte des katastrophengeschüttelten 20. Jahrhunderts durchlebt haben.

 

Der Älteste von ihnen, Kurt von Plettenberg, wurde 1891 im Schoß einer alten protestantisch-preußischen Adels- und Offiziersfamilie in Bückeburg (Schaumburg–Lippe) geboren. Er ergriff den Beruf eines Forstmeisters und starb mit 54 Jahren im Februar 1945, als er sich aus dem vierten Stock des Gestapo-Gefängnisses in der Prinz-Albrecht-Straße in Berlin stürzte. Er hatte zum engeren Umkreis der Attentäter des 20. Juli 1944 gegen Adolf Hitler gehört.

(Eberhard Schmidt, Kurt von Plettenberg. Im Kreis der Verschwörer um StauffenbergEin Lebensweg, Herbig Verlag, München 1914)

 

Franz Radziwill, 1895 in der Wesermarsch geboren und in Bremen in einer armen Handwerkerfamilie aufgewachsen, wurde einer der bedeutendsten deutschen Maler der Stilrichtung des „Magischen Realismus“. Er starb mit 88 Jahren in seiner Wahlheimat Dangast am Jadebusen.

(Eberhard Schmidt, Wohin in dieser Welt? Der Maler Franz Radziwill. Biografie, Mitteldeutscher Verlag, Halle  2019)

 

Kurt Harald Isenstein, 1898 in Hannover in einer jüdischen Mittelstandsfamilie geboren, studierte an der Berliner Kunstakademie und wurde zu einem vielbeachteten Bildhauer und Pressezeichner in der Weimarer Republik, bis er 1933 von den Nazis ins dänische Exil vertrieben wurde. Er starb 1980 als dänischer Staatsbürger im Alter von 82 Jahren in Kopenhagen.

(Eberhard Schmidt, Dort, wo ich wirken kann, ist meine Heimat“. Der Bildhauer Kurt Harald Isenstein. Ein jüdisches Künstlerschicksal (erscheint 2020)

 

Die Älteren der beiden der drei Männer leisteten in den beiden Weltkriegen in der Armee Kriegsdienste. Der Jüngste wurde zwar kurz an die Front geschickt, blieb aber weitgehend vom Kriegsgeschehen verschont. Die unruhigen Zeiten der revolutionären Erhebungen und die Hyperinflation nach dem ersten Weltkrieg erlebten sie alle als junge Männer. Die Weltwirtschaftskrise mit ihren verheerenden Folgen: der Massenarbeitslosigkeit und dem sozialen Elend, dem der rasante Aufstieg der nationalistischen Bewegungen am Ende der Weimarer Republik folgte, begleitete und erschütterte sie.

 

Die Machtübernahme durch Hitler und seine Anhänger im Januar 1933 und deren Folgen trennte ihre Schicksalswege. Plettenberg und Radziwill hatten zunächst Sympathien für die sozialen Ziele der NSDAP, Isenstein wurde sofort mit dem Rassenhass der Nazis konfrontiert und verlor seine Existenz in Berlin und einen Teil seiner Werke. Während Plettenberg bald zum entschiedenen Gegner der Nazis wurde und sich dem deutschen Widerstand anschloss, geriet Radziwill, Mitglied der NSDAP seit Mai 1933, nach einem kurzen Intermezzo als Professor an der Düsseldorfer Kunstakademie in den Fokus der reaktionären Gegner der Modernen Kunst und wurde als „entarteter Künstler“ ausgegrenzt, weil er sich den Kunstvorstellungen der Nazis nicht anzupassen bereit war.

 

Nach dem 2. Weltkrieg setzten die beiden Überlebenden ihre Künstlerkarriere fort, wobei Radziwill für eine längere Zeitspanne in Vergessenheit geriet, erst spät wiederentdeckt wurde und heute in Ausstellungen wieder stärker präsent ist, während Isenstein In Dänemark vor allem als Kunstpädagoge über seine neue Heimat hinaus bekannt und erfolgreich wurde. Seine Werke sind heute in einem kleinen Museum am großen Belt zu sehen sind. Hierzulande ist er aber fast völlig vergessen.

 

Die Erforschung und Erzählung dieser drei Biografien hat mich in den letzten acht Jahren intensiv beschäftigt. Die drei Lebenswege verdeutlichen drei zwar unterschiedliche, aber exemplarische Schicksale im „extremen“ 20. Jahrhundert (Eric Hobsbawm). Ihre Präsentation ist ein Versuch, der weit verbreiteten Geschichtsvergessenheit entgegen zu wirken, einem Lebensgefühl und dem daraus resultierendem individuellen und gesellschaftlichen Verhalten, das fast nur noch die Gegenwart wahrnimmt und blind für die Herkunft der aktuellen Krisen macht. Damit werden die Ursachen der berechtigten Sorgen um die Zukunft, trotz aller Beschwörungen der Erinnerungskultur in Sonntagsreden, nicht mehr wahrgenommen und können nicht mehr ins allgemeine Bewusstsein gehoben werden. Die herrschende Geschichtsvergessenheit, die die gegenwärtigen Diskurse ihrer Herkunft beraubt, trägt dazu bei, ein mögliches Lernen aus der Vergangenheit zu verfehlen und riskiert, Auswege aus den bevorstehenden Katastrophenszenarien zu verstellen – zulasten einer zwanghaften Wiederholung der immer gleichen Übel: Nationalismus, Rassismus, politische Repression, wachsende soziale Ungleichheit und die Zuwendung zu autoritären Staatsformen.

 

(* die Publikation der letzten Biographie ist für 2020 geplant )

 

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© Eberhard Schmidt