Eberhard Schmidt

Vom Palast des Diokletian zu den Säulen des Herkules

Eine Reise entlang der Küsten des östlichen und südlichen Mittelmeers (2000)

Kindle ebook  2013, zu beziehen über Amazon, 172 Seiten, zahlreiche Abbildungen, € 2.68 (ASIN B00C4RPM6Y)

Das Mittelmeer als Landschaft der Faszination

 

Jede Reise beginnt im Kopf. Auch diese. Die Faszination des Mittelmeeres, des mare mediterraneum, und seiner Küstenländer hat seit altersher die Menschen aus dem Norden angezogen. Samuel Johnson, der große englische Gelehrte des 18.Jahrhunderts, sah darin sogar das non plus ultra des Reisens:

Das größte Ziel allen Reisens ist es, die Gestade des Mittelmeers zu sehen. An seinen Ufern lagen die vier großen Imperien der Welt, das assyrische, das persische, das griechische und das römische. Unsere gesamte Religion, nahezu alle unsere Gesetze, fast alle unsere Künste, beinahe alles, was uns über die Wilden erhebt, ist von den Küsten des Mittelmeeres auf uns gekommen“.

Die zeitgeistigen „Wilden“ sehen wir ihm nach, denn im übrigen hat er Recht. Aus dem mittelmeerischen Raum oder vermittelt über ihn kamen im Laufe der letzten Jahrtausende die Innovationen, die unser Leben noch heute bestimmen: die alphabetische Schrift und die arabischen Zahlen und damit die Mathematik; die Glaubensinhalte und Riten der drei monotheistischen Religionen; das philosophische Denken und die wissenschaftliche Welterfassung aber auch die gültigen Formen politischer Organisation.

Seinem Selbstverständnis nach war der Mittelmeerraum schon immer ein privilegiertes Territorium. In seiner Naturgeschichte beschreibt Plinius das „Mittelland“ als Land zwischen den extremen Klimazonen, in dem alleine ein gemäßigtes menschenwürdiges Leben möglich sei, „das Terrain geglückter menschlicher Gesellung“ (Dieter Richter: „Der Süden“). Noch bis ins Mittelalter wird es so erfahren. Später wird es vielfach, von Goethe bis Nietzsche, zur Projektionsfläche eines Verlangens nach Befreiung von den Zwängen gesellschaftlicher Konventionen und protestantisch dominierter Disziplin im Norden Europas. Bis heute ist es für viele ein Raum der Sehnsucht geblieben, wenn auch nur für die wenigen Wochen der Urlaubszeit.

 

Fernand Braudel, der bedeutendste zeitgenössische Historiker der mittelmeerischen Welt hat der „méditerranée“ eine angemessene Definition gegeben, ohne sie auf einen abstrakten Begriff zu reduzieren.

Was ist das, die mediterrane Welt? Tausend Dinge auf einmal. Nicht eine Landschaft, sondern unzählige Landschaften. Nicht eine Zivilisation, sondern viele Zivilisationen, eine auf die andere geschichtet. Im Mittelmeer reisen heißt, auf die römische Welt im Libanon treffen, auf eine prähistorische in Sardinien, auf griechische Städte in Sizilien, auf Spuren arabischer Anwesenheit in Spanien, solche des türkischen Islam in Jugoslawien. Es heißt, auf den Grund der Zeitalter hinab tauchen, bis zu den megalithischen Bauwerken auf Malta oder den ägyptischen Pyramiden. Es heißt, Altes und Uraltes, das noch lebendig ist, Seite an Seite mit höchst Neuzeitlichem zu finden: den ungeheuren Industriekomplex von Mestre neben dem scheinbar unverrückbaren Venedig, die Fischerbarke, die sich in nichts von dem Boot des Odysseus unterscheidet, neben einem Supertanker oder einem jener Hochseefangschiffe, welche die Meere plündern. Es heißt, sich in den archaischen Gehegen mediterraner Inseln verlieren und staunend die Vitalität sehr alter Städte zur Kenntnis nehmen, die allen erdenklichen Lebensentwürfen und dem Begehren nach Wohlstand offen gestanden haben und die seit Jahrhunderten über das Meer wachen, sich von ihm ernähren.“

 

Eine Reise entlang der Küsten des Mittelmeers muss so notwendig zu einer Reise durch Zeiten und Räume werden. Sie streift neolithische Siedlungen und Tempel, die Tausende von Jahren vor unserer Zeitrechnung entstanden sind, trifft auf die Ruinen der Kupfer-, Bronze-und Eisenzeit in der phönizischen, griechischen und römischen Antike. Sie führt zu den Kathedralen, Moscheen und Synagogen des Mittelalters und zu den neuzeitlichen Hafenstädten und ihren aktuellen Konflikten. Sie berührt die unterschiedlichsten Landschaftstypen und Vegetationsformen: vom Karst über fruchtbaren Ebenen bis hin zu Wüsten und schroffe Gebirgsregionen. Meine dreimonatige Reise umfasste nicht das gesamte mare mediterraneum. Sie konzentrierte sich auf die für mich noch weitgehend unbekannten Küstenregionen im östlichen und südlichen Mittelmeerraum, führte mich (im Uhrzeigersinn) von Split in Kroatien bis zur Meerenge von Gibraltar. Aus unterschiedlichen Gründen wurden Albanien, Israel, Libyen und Algerien ausgespart. Im Einzelnen führte meine Reiseroute durch elf Länder, wobei ich die alten Bezeichnungen der Landschaften den oft willkürlich und spät gezogenen Staatsgrenzen vorziehe.

 

Ich reiste von Dalmatien (Split und Dubrovnik / Ragusa) über Apulien (Bari, Castel del Monte, Trani, Barletta, Lecce, Otranto, Brindisi), den Peleponnes mit der Achaia (Patras), Elis (Olympia), Messenien, Arkadien, der Argolis (Nauplia, Epidauros) und Korinth, Phokis (Delphi) und Attika ( Athen), Byzantion (Byzanz, Konstantinopel, Istanbul), Ionien, Troas , Mysien (Troia/Ilion, Assos und Pergamon),Lydien (Smyrna, Ephesos, Priene, Milet und Didyma), Karien (Halikarnassos), Rhodos (Rhodos, Lindos, Filerimos), Zypern (Nicosia/Lefkosa, Larnaca, Limassol, Paphos, Bellapais, Kyrene), Phönizien (Beirut, Baalbek, Byblos, Damaskus, Palmyra, Aleppo, Crac des Chevaliers, Amman, Jerash und Petra), Unterägypten (Kairo, Sakkara, Memphis und Alexandria) den Maghreb (Tunis, Karthago, Casablanca und Tanger) bis zu den Säulen des Melkart / Herakles (Gibraltar)

 

Die Küsten von drei Kontinenten: Europa, Asien und Afrika lagen am Weg. Den Horizont bestimmten die vier großen Kulturkreise, die die mittelmeerische Lebenswelt in den letzten dreitausend Jahren geprägt haben: die levantinisch-phönizisch-palästinensische Welt des Nahen Ostens, die griechisch-byzantinische Welt Ostroms, die osmanisch-islamische Welt der Türkei und der Länder Nordafrikas, schließlich die römisch-katholische Welt Westroms. Aber auch die bedeutenden Zivilisationen, die ihnen vorangegangen sind und deren Spuren und Abgrenzungen voneinander noch sichtbar sind, blieben im Blickfeld: das alte Ägypten, das minoische Kreta, Mykene, die Hethiter, die sagenhaften Seevölker der Levante. Von den noch älteren Kulturen des Neolithikum, denen erst die Wissenschaft die Namen gibt, ganz zu schweigen.

 

Dem Einfluss der nordischen Welt auf das Mittelmeer, der mit dem Aufstieg der Holländer und der Briten zu beherrschenden Seemächten ab dem 16. Jahrhundert greifbar wird, galt ebenso das Augenmerk wie den Veränderungen, die die industrielle Moderne und die neuzeitliche Globalisierung mit all ihren Aspekten im Mittelmeerraum bewirkt haben. In diesem Sinne war die Reise auch eine Art Pilgerfahrt zu den Wurzeln der Kulturen, aus denen wir unsere geistigen Energien beziehen. Und natürlich sind die Erfahrungen, Begegnungen und Eindrücke dieser Reise abhängig von den Vorbereitungen und dem Vorwissen, das man mitbringt. Nur wovon man weiß, das wird man auch sehen. Oder mit den Worten eines sehr erfahrenen Reisenden:

Man sieht, was man sehen will…und genau darum geht es. Man kann sich nicht einfach beiseite lassen, und schon bevor man etwas sehen will, stellen sich die Erinnerungen an etwas ein, was man irgendwann einmal gesehen hat…“ (Cees Noteboohm).

 

Ich reiste alleine. Das hat den großen Vorteil, dass man leichter angesprochen wird, als wenn man paar- oder gruppenweise unterwegs ist, und spontaner ins Gespräch mit den Einheimischen kommt. Ich habe alle denkbaren Verkehrsmittel, die mir gerade zur Verfügung standen, benutzt: Busse, Sammeltaxis, Eisenbahnen, Schiffe. Flugzeuge, nur wo es unumgänglich war (es gibt heutzutage nicht einmal einen Fährverkehr vom griechischen Rhodos zum griechischen Zypern, das war schon einmal anders). Natürlich bin ich in den Städten auch viel zu Fuß gegangen, trotz der oft tropischen Temperaturen in der Levante und im nördlichen Afrika (ich reiste von Mitte April bis Mitte Juli). Übernachtet habe ich in günstigen Hotels und Pensionen. Ein kleiner Koffer und eine Tasche reichten völaus. Waschgelegenheiten gibt es überall. Ebenso wie Internetcafès und W-Lan Anschlüsse in den meisten Unterkünften.lig aus. Waschgelegenheiten gibt es überall. Ebenso wie Internetcafès und W-Lan Anschlüsse in den meisten Unterkünften.

 

Die folgenden Notizen, Beobachtungen und Kommentare sind im Rahmen eines Internet-Blogs (www.ebschmidt.blog.de) entstanden, der während der dreizehnwöchigen Reise von Tag zu Tag geschrieben und veröffentlicht wurde. Es war auch ein notwendiger Dialog mit mir selbst, der immer unverzichtbarer wurde, je länger die Reise dauerte. Die Verarbeitung und Verdichtung der Erfahrungen, die jeder Tag neu mit sich brachte, konnte am besten über das Medium des Aufschreibens geleistet werden. Es zwang dazu, sich immer wieder bewusst zu machen, welche Bedeutung das was mir begegnete hatte, zu mindestens für mich selbst. Natürlich gelang das unterschiedlich gut. Die Texte wurden hier nachträglich nur geringfügig überarbeitet . 

 

Nachtrag

 

6 Jahre später, 2016, wäre diese Reise durch einige der islamischen Länder, namentlich durch Syrien, so wie ich sie unternommen habe, wohl nicht mehr möglich. Die Orte, die ich in Syrien besucht habe, Damaskus, Palmyra, Crac des Chevalier und vor allem Aleppo sind schwer zerstört, die Museen teilweise geplündert, die antiken Stätten beschädigt und beraubt. Die Verzweiflung der Menschen dort ist kaum zu ertragen und es besteht wenig Hoffnung, dass sich das in den nächsten Jahren ändert. Die Weltgemeinschaft ist noch immer zu schwach, um diejeinigen, die solche Katastrophen organisieren, zu isolieren, geschweige denn zur Verantwortung zu ziehen.

 

 

Auf dem Felsen von Gibraltar
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