Eberhard Schmidt

 

Kurt Harald Isenstein

Ein deutsch-dänisch-jüdischer Bildhauer, Maler, Schriftsteller, Kunst- und Musikpädagoge

 

 

 

 

 

 

 Kurt Harald Isenstein wird am 13. August 1898 in Hannover als Sohn des Kaufmanns Adolf Isenstein aus Hildesheim (gest.1922) und seiner Frau Jenny, geb. Meyer (gest.1960) geboren. Seine Mutter stammte aus der dänisch-jüdischen Warburg-Familie. Ihr Urgroßvater, Abraham Alexander Wolf, war Oberrabbiner von Kopenhagen und Begründer der dortigen jüdischen Gemeinde.

Als die Familie von Hannover nach Berlin umzieht und der Sohn das schulpflichtige Alter erreicht, kommt er in eine Privatschule, die „Schule-Reimann“, eine jüdische Kunstgewerbeschule in Berlin Schöneberg. wo die Kinder im ersten Schuljahr nicht rechnen und schreiben sollen, sondern spielen dürfen. Haralds herausragendes Talent beim Zeichnen und Modellieren wird früh entdeckt. Er wird fast als Wunderkind angesehen.

Nach der Schule absolviert er eine Steinbildhauerlehre. 1917 wird er in die Berliner Kunstakademie aufgenommen, aber kurz darauf zum Militär eingezogen. Er kommt nach Flandern. „Dass er das Inferno dieses Krieges unversehrt überstand, hatte er einem besonderen Glücksfall zu verdanken. Er hatte eine Büste seines Hauptmanns in Ton geformt. Davon war dieser so begeistert, dass er Isenstein illegal nach Berlin schickte, um die Büste als Geschenk für seine Familie in Bronze gießen zu lassen. Als der junge Bildhauer an die Front nach Belgien zurückkehrte, war seine Kompanie an die Ostfront in die Karpaten geschickt worden und die meisten seiner Kameraden gefallen. Isenstein glaubt, dass seine Kunst ihm das Leben gerettet hat.“ (Lorenz, 2004,37).

 

In Berlin besucht er von 1919-1921 erneut die Kunstakademie. Seine Lehrer sind Peter Breuer, Franz Spiegel, Hugo Lederer und Wilhelm Gerstel. Sein Debut als Bildhauer gibt er 1921 in der „Juryfreien Kunstschau Berlin“. Er ist regelmäßig an den Ausstellungen der Berliner Sezession beteiligt. Eine erste Studienreise nach Italien unternimmt er 1921.

 

Im Mai 1921 heiratet er Hildegard Eick (geb. 29.10.1897), Tochter des Schneidermeisters Moritz Eick und seiner Frau Bertha Israel. Er war der 19jährigen Hildegard bei einer Theatervorstellung 1917 begegnet und hingerissen von ihrem Profil: "Sie sah aus wie eine ägyptische Prinzessin". Sie heirateten gegen den Widerstand der Familie. Sie wird bald seine technische Assistentin und später selbst als Weberin und Buchbinderin künstlerisch tätig. Sie verbringen ein ungewöhnlich glückliches und harmonisches Leben miteinander.

 

1921 erhält Isenstein auch den jährlich verliehenen Michael Beer-Preis der Berliner Akademie der Künste, gestiftet von dem gleichnamigen jüdischen, von Goethe geschätzten Dramatiker (1800–1832, „Der Paria“; „Struensee“). Einer der beiden Preisträger musste Jude sein.

1922 übernimmt er die Supervision der Bildhauerklasse an der „Schule Reimann“, an der er bis 1925 unterrichtet.1925 ist er zusammen mit Hans Baluschek Mitbegründer der privaten Volks-Kunstschule, an der er bis 1933 arbeitet. Er hat sein Atelier mit Brennofen in Berlin-Mahlow in der sogenannten Waldsiedlung (Dreibundstraße 56, heute Arcostraße 2). Käthe Kollwitz, mit der er befreundet ist, schart im benachbarten Lichtenrade einen Freundeskreis um sich, zu dem er gehört. Ein umfangreicher Briefwechsel setzt ein.

Da sich sein Haus nach 1949 direkt am Mahlower Grenzgraben befand, dem heutigen Mauerweg, der die Zonengrenze markierte, wurde es später vermutlich zur „Grenzsicherung“ zerstört. Heute befindet sich dort eine Informationstafel.

Weitere Studienreisen führen Isenstein 1923 nach Süddeutschland (Bamberg), 1925 nach Paris und 1927 einmal mehr nach Italien.

 

Isenstein ist in den zwanziger Jahren mit seinen Werken in zahlreichen Ausstellungen in Deutschland vertreten. Stilistisch wird er von der Kritik in der Nähe von Wilhelm Lehmbruck gesehen. In den zwanziger Jahren ist er vor allem für seine Porträtbüsten bekannt. Unter anderem entstehen Büsten von Paul von Hindenburg und Friedrich Ebert (im Staatsauftrag) von James Simon, Emil Ludwig, Arno Holz, Heinrich Hertz, Ernst Toller, Fritz Busch, Fritz Kortner, Luigi Pirandello, Alfred Döblin, Käthe Kollwitz (mit der er befreundet ist), Edwin Fischer, Ernst Cassirer und Magnus Hirschfeld. Die Signatur Isensteins auf der Büste des Ausgräbers von Olympia Wilhelm Dörpfeld lässt Goebbels anlässlich der Olympischen Spiele 1936 in Berlin entfernen.

Die bekannteste Büste Isensteins zeigt Albert Einstein. Über seine Stieftochter Margot, die bei Isenstein Unterricht im Modellieren nimmt, wird Einstein mit der Kunst der Plastik bekannt. Er freundet sich mit Isenstein an. Sie spielen gelegentlich miteinander Geige. Einstein urteilt 1926: „Die Büste, welche Herr Isenstein von mir machte, ist nach meiner Ansicht die beste, die von mir existiert“ (Lorenz, 2004,37). Der preußische Kultusminister Carl Heinrich Becker kauft sie an und lässt sie im Eingangsbereich des Einstein-Turms, der von dem berühmten Architekten Erich Mendelssohn entworfen worden war, aufstellen. Die Büste sollte 1933 von den Nazis, die den Einsteinturm in „Institut für Sonnenphysik“ umbenannt hatten und jede Erinnerung an den jüdischen Physiker tilgen wollten, eingeschmolzen werden. Ein Mitarbeiter des Hauses hat diese Büste aber im Haus versteckt und 1945 nach dem Krieg wieder hervorgeholt, sodass sie erhalten geblieben ist. Der Legende nach ist sie im „Dritten Reich“ durch einen grauen Feldstein ersetzt Heute steht sie wieder an ihrem angestammten Ort im Eingangsbereich des Turmes.

 

In dieser Zeit entstehen auch verschiedene Statuetten wie der „Diskuswerfer“ und Figurenkompositionen, vor allem aber die Illustrationen zum Werk von Arno Holz in der monumentalen 12bändigen Arno Holz Werkausgabe von 1926. 1932 erscheint von ihm: „J.W.v.Goethe, Das Tagebuch“ mit 12 Radierungen. 1931/32 fasst er seine kunsttheoretischen Überlegungen in dem „Brief an einen jungen amerikanischen Bildhauer“ zusammen.

In den zwanziger Jahre arbeitet Isenstein auch als Pressezeichner und porträtiert zahlreiche Schauspieler, Dirigenten und Opernsänger für Berliner Zeitungen u.a. auch Edwin Fischer mit seinem Orchester.

 

Sein erfolgreiches Wirken in Berlin endet jäh mit der Machtübernahme Hitlers 1933. Harald Isenstein gerät wegen seiner linken Gesinnung und seiner jüdischen Abstammung schon bald ins Blickfeld der SA. Er berichtet später darüber: „Hitlers Machtübernahme war der Anfang vom Ende meines Lebens in Deutschland. Zu den ersten Dingen, die die Nazis durchführten, gehörte die Zerstörung des Instituts des weltberühmten jüdischen Sexualforschers Magnus Hirschfeld. Als sie es stürmten, nahmen sie die Büste, die ich von ihm gemacht hatte, setzten sie auf einen Besenstiel und zogen mit ihm an der Spitze in ihrem Aufzug durch die Straßen nach Unter den Linden, wo die berüchtigte große Verbrennung der unerwünschten Bücher stattfand, und warfen die Büste auf den Scheiterhaufen. Dr. Hirschfeld selbst war damals im Ausland, aber seine Büste wurde verbrannt, und das wurde ein Symbol dessen, was die Nazis später in Wirklichkeit mit den Juden machten.

Wenige Monate später, immer noch in 1933, stürmte die SA eines Nachts mein Atelier und stahl mein gesamtes Eigentum. Ich hatte bereits meine Flucht vorbereitet, und wir hatten unser Haus auf dem Lande in Mahlow verkauft und unsere Sachen im Atelier in der Stadt untergebracht. Als ich morgens kam, wurde ich verhaftet, verhört, entlassen und später am Tage wieder ergriffen und mit einem Knüppel halb tot geschlagen. Es gelang mir auf die Straße zu flüchten, das Blut strömte über Gesicht und Kleidung, und ein freundlicher Polizist nahm mich in ein nahe gelegenes Krankenhaus mit. Der Arzt sagte nicht ein Wort, und der einzige Kommentar des Polizisten war: 'Sie sollten froh sein, dass sie überhaupt leben. Beruhigen Sie sich'. Am Tag darauf kaufte ich mir ein Kaskett, das meine Verbände verdeckte, die ich um den Kopf hatte, und reiste zusammen mit meiner Frau Hildegard nach Dänemark. Die Flucht kostete uns das meiste von dem, was wir noch besaßen, aber ich hatte doch einen Teil Geld in Kopenhagen hinterlegt, und mit dem kamen wir in der ersten Zeit durch“ (Lorenz 2004, 38).

Über die Flucht der Isensteins aus Berlin schreibt der befreundete Ernst Pinner am 25. Juni 1933: „Dieser Tage fahren Isensteins ab. Sie hatten zuletzt noch viel Schweres durchzumachen, auch Dinge, über die man nicht schreiben darf. Bald ist von unserem Kreis kaum ein einziger mehr hier“. Der 35jährige Künstler emigriert nach Dänemark in die Heimat der Familie seiner Mutter. Einer ihrer Vettern ist Medizinprofessor in Kopenhagen. Da Emigranten in Dänemark nicht ohne weiteres Arbeitsgenehmigungen erhalten konnte, ist die Lage der Familie zunächst schwierig. Aber dann macht ihn der Direktor der Kopenhagener Kunstakademie, Professor Einar Utzon, der seine Rang als Bildhauer erkennt, einfach zu seinem Schüler. Damit ist die Arbeitsgenehmigung automatisch gewährleistet, obwohl Isenstein die Akademie nie betritt.. Utzon macht es ihm auch möglich, 1934 als Gast einige seiner Arbeiten auf der „Freien Ausstellung“ in Kopenhagen zu zeigen. Darauf folgen in den nächsten Jahren weitere Ausstellungsbeteiligungen in Kopenhagen. Ab 1934 wirkt er als Kunstpädagoge an der Borup–Hochschule in Kopenhagen und gründet später eine eigene „Kunstshole“ (Vodroffsvej 9c in Kopenhagen) nach dem Vorbild der „Schule-Reimann“.

In Dänemark (und später in Schweden) entstehen Porträtbüsten u.a. von Königin Margarehte II., Victor Borge, Carl Th. Dreyer, Martin Anderson-Nexö (mit dem er efreundet ist), Fini Henriques, P. Reumert, Asta Nielsen, Georg von Hevesy, Robert Storm Petersen,

Ivar Schmidt, Ebbe Rode, Erik Eriksen. Im Nationalhistorischen Museum auf Schloß Frederikskborg in Nordseeland stehen seine Büsten von Niels Bohr und Karen Blixen.. In einem Interview mit der Zeitschrift „Tidens Kvinder“ 7. Juni 1955 spricht Isenstein über die Arbeit an der Karen Blixen Büste: „Es war eine sonderbare Erfahrung, sie zu modellieren. Es war beinahe wie im Traum. Es dauerte nur wenige Stunden, aber es war wie in Trance. Ich habe das mehrmals erlebt, wenn ich wirklich große Persönlichkeiten vor mir hatte. Wesen voller Geist. Mit Albert Eistein, Niels Bohr und Käthe Kollwitz war es genauso.“ Von den Kritikern wird Isensteins Lieblingsform gerühmt„...die Porträtbüste, die den geistigen Charakter und das Äußere der Person in einer plastischen Synthese umschreibt“ (Weilbachs künstlerische Ikone).

Mit Walter E. Berendson gibt Isenstein 1935 das Buch „Der lebendige Heine im germanischen Norden“ heraus. Auch für das Werk seiner Freundin Käthe Kollwitz wirbt er in Skandinavien. 1949 erscheint seine Monographie über sie auf Dänisch, Schwedisch und Norwegisch.

In der Nacht vom 1. auf den 2. Oktober 1943 starteten die Nazis eine Razzia in ganz Dänemark, um die Juden in deutsche Konzentrationslager zu deportieren. I m Hafen von Kopenhagen wartete ein Frachter mit Platz für 5000 Personen. Isenstein lässt sich in die psychiatrische Abteilung des Kopenhagener Städtischen Krankenhauses einliefern, bis es ihm gelingt mit Unterstützung, die viele Dänen den verfolgten Juden zukommen lassen, mit seiner Frau in einem Boot nach Schweden zu flüchten, wo er in seinem zweiten Exil wieder als Musikpädagoge und freier Künstler arbeitet.

1945 entsteht ein Denkmal zur Erinnerung an die dänischen Flüchtlinge als Relief an der Rathausfassade von Helsingborg (heute im Stadtpark) .Ein Dupikat wird 1948 auch in Tel Aviv errichtet.

Rejst aar 1945 ad danske flygtninge som i Hälsingborg fandt fristed og venner”.

 

In Norwegen entstehen Gedenkstätten für die ermordeten Juden auf Friedhöfen in Oslo und Trondheim. In der Cleveland University Ohio steht sein Denkmal für Heinrich Heine.

1946 kehrt er nach Dänemark zurück, wo er seine künstlerische und pädagogische Arbeit fortsetzt. Seine Frau, Hildegard Isenstein, deren Gelenkrheumatismus sich durch die Strapazen von Flucht und Krieg so verschlimmert, dass sie auf den Rollstuhl angewiesen ist, muss ihre bisherige künstlerische Tätigkeit als Weberin aufgeben. Sie beginnt mit der Unterstützung ihres Mannes eine erfolgreiche Karriere als Malerin. 1947 erhält Isenstein die dänische Staatsbürgerschaft.

 

In der Nachkriegszeit wird Isenstein in Dänemark sehr populär durch seine Sendungen im Rundfunk und später im Fernsehen, in denen er spielerisch das Modellieren lehrt. Er stürzt sich in ein umfangreiches Bildungsprogramm, das vor allem für Grundschullehrer, Kinder und Amateure gedacht ist. Sein Buch „Spielen mit Ton“ (1955) wird in mehrere Sprachen übersetzt (auch ins Deutsche). Er war der Auffassung, um anderen zum Verständnis der Kunst zu verhelfen, sei es am besten, man rege sie selbst zu künstlerischer Betätigung an.

Seine eigenen Arbeiten präsentiert er immer seltener in der Öffentlichkeit. Er publiziert 1962 das „ABC des Modellierens“, 1966 folgt „Die Kunst des Modellierens“. In der ARD wird von 1965 bis 1970 die Serie "Wir modellieren mit Harald Isenstein" ausgestrahlt ("Zusammen mit Kindern im Studio gestaltet und modelliert Kunstpädagoge Harald Isenstein plastische Figuren und gibt Tipps und Hinweise zur Modelliertechnik"). Von 1967 bis 1969 folgt die Serie "Wir zeichnen mit Harald Isenstein" ("Zeichenunterricht am Bildschirm: In dieser Jugendsendung vermittelt der Kunstpädagoge Professor Harald Isenstein seinen Zuschauern Grundlagen der Mal-, Zeichen- und Gestaltungstechnik").

Kopien seiner Porträtbüsten stehen inzwischen an vielen Orten der Welt. In der Hebräischen Universität in Jerusalem findet die Porträtbüste von Albert Einstein (von 1924) einen Platz, ebenso im Baltimore Museum, in der Princeton University, in Rio de Janeiro und in Hannover. 1958 gestaltet er für die Deutsche Bundespost eine Briefmarke mit dem Porträt von Heinrich Hertz. Im Wilhelm Lehmbruck Museum in Duisburg werden 1976/77 in der Ausstellung „Deutsche Bildhauer 1900 -1933“ Werke von ihm gezeigt. Die Akademie der Künste in Berlin verwahrt eine Sammlung mit Zeichnungen von Kurt Harald Isenstein

Nach dem Tod seiner Frau Hildegard am 8. März 1960 erscheint in Kopenhagen der Katalog „Hildegard og Harald Isenstein 1920-1960“ als Privatdruck. Darin schreibt der Bildhauer über seine Frau:

Als wir uns im Sommer 1946 endlich wieder als freie dänische Staatsbürger niedergelassen hatten, da machtest Du, Hildegard, mir zum Vorwurf, dass ich Dir nie die Technik des Malens erklärt hätte. "Tausenden hast Du Unterricht gegeben. Glaubst Du nicht, dass ich es auch lernen könnte? Ich möchte so unendlich gern einen Wald malen." Und dann fingst Du einfach an und maltest Dein erstes Waldbild auf einem kleinen Stück Pappe, während ich Dich gleichzeitig, sitzend unter Deinen geliebten Bäumen, malte.

Ich wusste ja, wie sehr es Dich quälte, dass Deine damals schon zehn Jahre währende Krankheit Dir fast den Mut genommen hatte ­– Dir, deren größte Freude es doch immer gewesen war, mit Deinen begabten Händen zu wirken und zu schaffen.

Schon im ersten Jahr in Dänemark hattest Du angefangen, die Buchbinderei zu erlernen - doch eines Tages wollten die Finger nicht mehr; aber noch waren die Füße intakt - merkwürdigerweise - und Du lerntest Handweberei.

Doch dann dehnte sich die Krankheit auch auf die Füße aus, und, um Dich überhaupt fortbewegen zu können, musstest Du zu Krücken greifen. Du, die Du in unseren besten Jahren so unermüdlich in Deinem riesigen Obstgarten in einem Vorort in Berlin gewirkt hattest. Damals warst Du mir auch eine unentbehrliche Gehilfin beim Gießen meiner Skulpturen. Du wolltest es selber machen und beherrschtest auch dieses Handwerk vollkommen.

Und nun saßest Du da und warst fast daran, aufzugeben. Ganz gewiss nur fast. Denn schon ein Jahr später maltest Du diese unfassbar zarten Aquarelle, die vielleicht am deutlichsten eine Seite Deines innersten Wesens enthüllten. Doch waren es die starken, oft heftigen Farben, die bis zu Deinen letzten Stunden Dein großes Ideal waren. Du maltest, ohne Unterbrechung, bis eine neue furchtbare Krankheit hinzutrat, und Dir den Pinsel aus den gichtbrüchigen Fingern schlug.

Wie wunderbar war doch unsere Kameradschaft vierzig Jahre hindurch in gemeinschaftlicher Arbeit.

Keiner von uns hatte bürgerliche Ambitionen. Fünfzehn Jahre hatten wir als wahre Schlossherren in Berlin gelebt, umgeben von schönen, mittelalterlichen Möbeln und guter Kunst; danach kamen fünfundzwanzig Jahre hier in Dänemark in winzig kleinen Zimmern, ausgestattet mit billigstem Kistenmöblement.

Du zaubertest ein Lächeln hervor bei Jedem, der in Deiner Nähe weilte. Niemals sprachst Du von Deinem eigenen schweren Los, bis zu Deiner letzten Stunde war es Dir eine Freude, Geber zu sein.

Als Lehrerin der Malerei, eine Tätigkeit, durch die Deine letzten Lebensjahre zum geistigen Höhepunkt Deines immer wirksamen Daseins wurden, gabst Du alles, was Du zu geben hattest. Im Hintergrund, im Rollstuhl sitzend, vermochtest Du eine Inspiration auszustrahlen, die Deine Schüler dazu brachte, die Natur auf Deine strahlende und farbengesättigte Weise zu sehen.

Ja - Du warst wirklich ein "Sonnenstrahl für alle", wie einer Deiner Kritiker in Aarhus so schön formulierte.

Du hast Deine Gaben vorbildlich verwaltet, und ich bin glücklich, derjenige gewesen zu sein, der Dir zum Nutzen sein konnte, sodass Du so viel Wertvolles und Positives schaffen konntest - Bilder, die auch fürderhin die Sonne ausstrahlen werden, die Du für uns alle warst.“

 

Isenstein heiratet fünfzehn Jahre nach ihrem Tod ein zweites Mal. Am 14. 5.1975 wird die Keramikerin Olga Marie Isenstein, geb.Jensen (*3. 7.1922) seine Frau und später seine Nachlassverwalterin.

Harald Isenstein stirbt am 3. Februar 1980 im Alter von 81 Jahren in Kopenhagen. Er wird auf dem jüdischen Friedhof (Mosaisk Kirkegard) in Kopenhagen neben seiner Frau begraben. Seit 2006 ziert ein Steinrelief das Grab.

 

Der dänische Kunstkritiker Jan Zibrandtsen schrieb über ihn: "Isenstein wurde durch die politische Entwicklung in Deutschland brutal aus seiner ersten Bahn gerissen. Wie hätte sich wohl seine Entwicklung unter menschenwürdigen Verhältnissen in Deutschland geformt? Diese Frage lässt sich nicht beantworten. Doch eines ist sicher: Harald Isensteins Hauptziel würde unverändert eine fortgesetzte Vertiefung im Menschlichen gewesen sein. Hier ergriff er immer wieder den Faden, jedesmal wenn er ihm durchschnitten worden war."

Nach seinem Tod wird sein Werk von seiner Witwe, Olga Marie Isenstein (Bonnevier) gepflegt. 1988 wird dafür die „Association Isenstein Collection“ gegründet, die die Sammlung seiner Werke mit über 7000 Einzelstücken fertigstellt (Porträts, Skulpturen, Zeichnungen, Aquarelle, Grafiken, Ölbilder, Modelle, Skizzen und mehr). In der Stadt Korsör am Store Baelt in der dänischen Provinz Sjaelland werden sie seitdem in den „Isenstein-Samlingen“ im Museum Kongegaarden gezeigt.

Zum 120. Geburtstag Isensteins hat der von Gerhard Moses Heß initiierte Salon Hermione in Berlin Lichtenrade am 19. August 2018 mit einer Veranstaltung seiner gedacht.

 

 

 

Quellen

1. SCHRIFTEN

Walter E. Berendson / Harald Isenstein: Der lebendige Heine im germanischen Norden, Kopenhagen 1935

Harald Isenstein, From a letter to a young American Sculptor, in: Sven Rindholt: Harald Isenstein. Skulptur-Malerei-Grafik, Kopenhagen 1938, S.46-57

Harald Isenstein, Käthe Kollwitz, Kopenhagen 1949

Leg med ler, Kopenhagen 1955, 2.veränderte Auflage 1957

Hildegard og Harald Isenstein 1920-1960 (Privatdruck), Kopenhagen 1960, S.59,

Form i ler (deutsch: ABC des Modellierens)), Kopenhagen 1962, überarbeitete 2. Auflage 1967, (deutsch: Berlin (Ost) 1962)

Leg med ler – og form i ler, Kopenhagen 1970 (deutsch: Spielen und Formen mit Ton, Hamburg 1964

Die großen Figuren der Musik, entworfen und modelliert von Harald Isenstein, 1992 (überarbeitete Neuauflage von “Musikalische Zeichnungen“, 1966)

 

2. WERKE IN SAMMLUNGEN

Isenstein-Samlingen, Museum Kongegaarden, Korsör, Dänemark

Harald Isenstein Sammlung im Archiv der Akademie der Künste, Berlin

 

3. SEKUNDÄRLITERATUR

Harald Isenstein, 100 Jahre. Kleines Buch mit Erinnerungen an Harald Isenstein, 1997

Harald Isenstein in: Exil in Dänemark: deutschsprachige Wissenschaftler, Künstler und Schriftsteller im dänischen Exil nach 1933, hrsg. v. Dähnhardt, Willy /Nielsen, Birgit S. (Hg). Heide i. Holstein 1993, S.337-339

Kurt Harald Isenstein, in: Dansk Biografisk Leksikon, 3. Ausgabe der udkom 1979–1984, Bd.7, S.137

Isenstein, Kurt Harald, in: Willy Oskar Dreßler, Kunsthandbuch 1930 III, Bildende Kunst, S.462

Kurt Harald Isenstein, in: Deutsche Biographische Enzyklopädie, München/Leipzig 1995-2003, Band 5, S. 263

K.H. Isenstein in: Leben und Schicksal. Zur Einweihung der Synagoge in Hannover (hrsg. v. Jüdische Gemeinde Hannover), Hannover, 1963,

Harald Isenstein, in: Geflüchtet unter das Dänische Strohdach. Schriftsteller und bildende Künstler im dänischen Exil nach 1933. Katalog der Ausstellung der Königlichen Bibliothek Kopenhagen in Zusammenarbeit mit dem Kultusminister des Landes Schleswig Holstein, hrsg, v. Dähnhardt, Willy /Nielsen, Birgit S., Heide i. Holstein 1988, S. 209-214

Goenner, Hubert: Einstein In Berlin 1914-1933, München 2005, S. 273, 313

Heß, Gerhard Moses: Zu Harald Isensteins 120. Geburtstag. Ablaufplan des 8. Salon Hermione, Berlin, 19.8.2018

Lorenz, Detlef: Der Bildhauer von  Mahlow. Zur Lebensgeschichte Kurt Harald Isensteins. in: Heimatjahrbuch Teltow-Fläming 2004, S. 36–40, 5 Abb.

Meyer, Hermann: Kurt Harald Isenstein, Menorah, Frankfurt am Main 1928 (published by Scandinavian Jewish Forum, 12.12.2015)

Pösl, Thomas: Im Kellerlabor versteckt. Die Porträtbüste des Physikers im Einsteinturm war nicht immer dort zu sehen. Interview mit Prof. Dr. Jürgen Staude, in: Portal, Die Potsdamer Universitätszeitung, Januar-März 2005

Rindholt, Sven: Harald Isenstein. Skulptur-Malerei-Grafik, Kopenhagen 1938, Summary

Steffensen, Steffen: Harald Isenstein (1898 – 1980). Bildhauer und Zeichner, in: Exil in Dänemark: deutschsprachige Wissenschaftler, Künstler und Schriftsteller im dänischen Exil nach 1933, hrsg. v. Dähnhardt, Willy /Nielsen, Birgit S. (Hg). Heide i. Holstein 1993, S.337-339

Thielen, Hugo: Isenstein, Kurt Harald, in: Stadtlexikon Hannover (Biographisches Lexikon) S. 318

Zibrandtsen, Jan: Über Isenstein, in:Berlingske tidende am 16.9.1958, am 2.6.1960 und am 13.8.1968 (zum 70. Geburtstag);.

wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Kurt_Harald_Isenstein

 

Dokumentarfilm

Tue Ritzau. Portraet af et Menneske, Dokumentarfilm über Leben und Werk von Harald Isenstein (30 min), Danmark 1971

   

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