Eberhard Schmidt

ANPASSUNG UND WIDERSTAND
Giorgio Bassani und die Tragödie der Juden von Ferrara

Vortrag zum 10. Todestag von Giorgio Bassani im Jüdischen Museum Frankfurt/Main am 20.4.2010

Als ich den italienischen Schriftsteller Giorgio Bassani ("Der Garten der Finzi-Contini") im März 1989 in seinem Büro von Italia Nostra in Rom traf, sagte er mir in unserem Gespräch: „Ich habe mit meiner Erforschung Ferraras einen historischen Anspruch verbunden, den kein anderer vor mir verwirklicht hat. Ich bin zugleich ein Dichter, aber auch eine Art Wissenschaftler…Die Finzi-Contini haben als Familie nie existiert. Ich habe sie mir ausgedacht. Dennoch habe ich sie in einen historischen klar bestimmten Zusammenhang gestellt, ohne jegliche Erfindung, so als hätten sie wirklich gelebt. Ich wollte eben zugleich Dichter und Historiker sein.“ (Schmidt, 1991,154f.)

Diesen historischen Anspruch, der sein gesamtes Werk, den „romanzo di Ferrara“ durchzieht, hat er in einem kurzen Text von 1984 („Auskünfte über mich“) genauer erläutert:Das Ferrara, über das ich geschrieben habe, ist ausschließlich das Ferrara aus der Zeit des Faschismus. Soweit ich mich erinnere, war die Stadt dem Regime treu ergeben, so dass die wenigen Nichtfaschisten eine Randgruppe bildeten, die mit den anderen, der Mehrheit, nicht in Berührung kamen. Selbst die Ferrareser Juden, die in so großer Zahl in den nazistischen Gaskammern umkommen sollten, waren zum großen Teil Faschisten. Der bis Mitte der dreißiger Jahre amtierende Bürgermeister von Ferrara war Jude, zugleich aber ein Freund von Italo Balbo. Ja, leider. Die wahre Tragödie der Ferrareser Juden und eines sehr großen Teils der italienischen Juden überhaupt bestand darin, dass sie als Bürgertum sich zuerst mit dem Faschismus einließen und dann, ohne eigentlich zu wissen, warum, spurlos in den nazistischen Vernichtungslagern verschwanden.“ (Schmidt 1991,14 f.)

Der Frage des „warum?“ will ich hier nachgehen. Wie konnte es dazu kommen, dass ein großer Teil der italienischen Juden, nicht nur in Ferrara, bis zum Erlass der Rassengesetze durch Mussolini 1938, durch die die Juden Zug um Zug ihrer bürgerlichen Rechte und schließlich ihres Besitzes und viele auch ihres Lebens beraubt wurden, den Faschismus für gefahrlos hielten oder ihn sogar aktiv unterstützten?

Die Befreiung der der italienischen Juden aus der Ghettoexistenz

Dazu ist zunächst ein kurzer historischer Exkurs nötig. Die Juden in Rom können ihre Vorfahren bekanntlich bis in die Zeiten des Römischen Reiches zurückverfolgen. Flavius Josephus, der erste, in Rom lebende Historiker der Juden, schätzte ihre Zahl gegen das Jahr 4 v. u. Z. auf 8000 Personen. In der Kaiserzeit stieg ihre Zahl auf nahezu 50.000. Die Christianisierung änderte zunächst wenig an dem friedlichen Nebeneinander der beiden Glaubensgemeinschaften, abgesehen von vereinzelten theologischen Angriffen christlicher Bischöfe. Erst im Mittelalter, im Zeichen der Kreuzzüge und der eschatologischen Visionen, kam es, wie in Deutschland, auch in Italien zu ersten Judenpogromen. Die Zersplitterung Italiens in Stadtstaaten machte die kleinen jüdischen Gemeinden abhängig von den jeweiligen Interessen der Territorialherren. Während im Kirchenstaat die Juden unterdrückt wurden, in Venedig 1516 das erste Ghetto errichtet wurde, gewährten ihnen beispielsweise die Herzöge d’Este in Ferrara weitgehende Freizügigkeit und nahmen sogar sephardische Juden aus Spanien und aschkenasische Juden aus Ost- und Mitteleuropa auf und boten ihnen Schutz. Als allerdings mit dem Niedergang des Hauses der Este Ferrara 1597 eine Provinz des Kirchenstaates wurde, schränkte die neue Herrschaft die Rechte und die Bewegungsfreiheit der Juden drastisch ein. Im Zuge der Gegenreformation des 17. Jahrhunderts wurden auch in Ferrara, wie überall in Italien, die Juden hinter die Mauern der Ghettos verbannt. Sie sind noch heute in Ferrara deutlich zu identifizieren. Nur kurz unterbrochen durch die Jahre der napoleonischen Herrschaft, dauerte dieser Zustand bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts an. In Rom öffneten sich die Tore sogar erst 1870 mit der endgültigen Entmachtung des Kirchenstaats.


Ein Echo dieser Epoche klingt noch in den Worten des jungen Erzählers aus Bassanis Roman „Die Brille mit Goldrand“ nach. Angesichts der öffentlichen Ankündigung von Maßnahmen des faschistischen Großrats gegen die Juden 1938 heißt es: „Ich fühlte mit einem unbeschreiblichen Widerwillen den alten, atavistischen Hass des Juden gegen alles, was christlich, katholisch – kurz was goiisch ist. Ich dachte auch an die Straßen wie Via Mazzini, Via Vignatagliata oder den Vicolo Torrida - an dieses Labyrinth enger Gassen, die im Winter feucht, im Sommer erstickend waren und einmal das Ghetto von Ferrara gebildet hatten.“ (Die Brille mit dem Goldrand 1986, 81f.)


Mit der von laizistischen und liberalen Kräften getragenen Bewegung des Risorgimento, an der sich Juden führend beteiligten und die zur Einigung Italiens ab 1860 führte, wurden die Juden endlich zu gleichberechtigten Bürgern. Anders als in anderen europäischen Staaten, etwa dem deutschen Kaiserreich, erlangten sie sehr bald hohe Positionen im Bildungswesen, in Armee, Justiz und Politik. 1891 wurde Luigi Luzzati aus Venedig Finanzminister und 1910 erster jüdischer Premierminister Italiens. Raul Hillberg schreibt: „Zwischen der Auflösung des päpstlichen Ghettos in Rom im Jahre 1870 und den ersten antijüdischen Gesetzen der faschistischen Regierung im Jahre 1938 war die Integration des Judentums in Italien durchgreifender erfolgt als beinahe irgendwo sonst auf der Welt“ (Schmidt 1991,87). Das hieß aber nicht, dass jüdische Traditionen und Werte aufgegeben worden waren. Das jüdische Familienleben war nach wie vor von den traditionellen Festen und Riten geprägt. Aber nach außen hin waren kaum Unterschiede zur Lebensweise und zum Verhalten der nicht-jüdischen Mehrheitsbevölkerung wahrzunehmen. Zu beachten ist dabei, dass es in Italien zu jener Zeit knapp 50.000 Juden gab, was etwa 0,1% der Bevölkerung ausmachte (in Deutschland betrug der Anteil etwa 1%). Hinzu kamen in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts rund 10.000, zum Teil aus Deutschland geflohene, ausländische Juden.


Antisemitismus war im liberalen Italien von 1861 bis 1915 weder in den nationalistischen Kreisen, noch im sonst überall anfälligen Milieu der kleinen Geschäftsleute oder unter Akademikern verbreitet. Lediglich der seiner Länder enteignete Papst Pius IX hatte 1861 gegen die „jüdische Hunde“, „aus der Rasse jener abscheulichen Bestien vom Golgatha“, der „neuen Synagoge des Teufels“ gewütet (Moos 2004,14). Er vermochte aber zu dieser Zeit gegen die enge Verbindung der Juden mit der liberalen Elite Italiens nichts auszurichten. Die katholische Kirche hatte damals „aufgrund ihrer Selbstausschließung von der Nation und ihrer Abwendung vom politischen Leben… mit ihrer judenfeindlichen Propaganda keinen Einfluss auf die politische Kultur im Liberalen Italien“ (Wyrwa 2007,104). Erst mit dem Versuch der Etablierung einer dezidiert katholischen Partei durch junge katholische Intellektuelle nach dem ersten Weltkrieg begann sich das zu ändern. Alcide de Gasperi etwa, Vorsitzender des Partito Popolare Italiano, später zentrale Gründungsfigur der Democrazia Christiana nach 1945 und enger politischer Weggefährte Adenauers beim Aufbau eines vereinten Europa, fiel in jungen Jahren durch antisemitische Reden in Nachahmung des österreichischen Antisemiten Karl Lueger auf (Wyrwa 2007,105).


Die Juden und der Faschismus in der Zeit bis 1936

Wie entwickelte sich nun in der Epoche nach dem ersten Weltkrieg das Verhältnis der italienischen Juden zu der neuen faschistischen Bewegung und zum Staat, der seit 1922 in die Gewalt Mussolinis und seiner Anhänger gefallen war?

Die Motive, sich dem Faschismus anzuschließen, waren bei Juden wie bei Nicht-Juden vermutlich ähnliche. Der Faschismus war für diejenigen, die „republikanisch, national-patriotisch, revolutionär und antisozialistisch“ (Sarfatti 207,134) gesinnt waren, attraktiv. Gegen den revolutionären Internationalismus der Arbeiterbewegung hielt der Faschismus die patriotischen und imperialistischen Ideale des Ersten Weltkriegs hoch und gab sich königstreu. Der König hatte sich ja selbst auf die Seite der Faschisten geschlagen. So war es nicht verwunderlich, dass zu dem kleinen Gründerkreis der Faschistischen Partei (fasci di combattimenti) 1919 in Mailand mindestens fünf Juden gehörten. 230 Juden sollen am Marsch auf Rom teilgenommen haben. 1929 waren es schon 2.000 Parteimitglieder und 1933 sogar 5.800 bei einer Gesamtmitgliedschaft dieser Partei von 1,4 Millionen. 1938 zählte man, trotz des sich ausbreitenden Antisemitismus in der Partei, 6.900 jüdische Mitglieder. Kurz vor dem Erlass der Rassengesetze, besaßen demnach ungefähr 27% der Juden mit italienischer Staatsbürgerschaft das faschistische Parteibuch (alle Zahlen nach Sarfatti 2007,131ff.). Carlo Moos zufolge ergab 1939 eine staatliche Zählung sogar 10.330 Eingeschriebene, von denen 761 bereits vor dem Marsch auf Rom 1922 das Parteibuch erworben hatten (Moos 2004, 41). Fünf von den 21 Oberrabbinern waren 1937 Mitglieder der Partei. Aber nicht nur quantitativ auch qualitativ war die Mitarbeit der Juden an der Ausformung der faschistischen Bewegung nicht zu unterschätzen. Am faschistischen Kulturkongress 1925, der wichtig für die Ausarbeitung der faschistischen Ideologie war, nahmen drei Juden an führender Stelle teil (die übrigens alle später zum Katholizismus konvertierten). Zu den Finanziers von Mussolini gehörte etwa der jüdische Geschäftsmann Oscar Sinigaglia. Der jüdische Präfekt von Ferrara, Samuel Pugliese, unterstützte den Anführer der dortigen faschistischen Schlägertrupps, Italo Balbo.

Ferrara bildete einen besonderen Fall. Hier zählte die jüdische Gemeinde rund 500 jüdische Bürger. Mehrere Motive fielen zusammen, die den besonders hohen Anteil an Juden unter den Faschisten erklären. Die große Mehrheit jüdischer Bürger gehörte der vermögenden Mittel- und Oberschicht der Stadt an (in dieser Hinsicht unterschied sie sich deutlich von Rom und Livorno, nicht aber von vielen anderen jüdischen Gemeinden in Italien). Man war national-patriotisch gesinnt und verfügte über erheblichen Grundbesitz. Dementsprechend fürchtete man die erstarkende Gewerkschafts- und Genossenschaftsbewegung, die unter der verarmten Landbevölkerung in der Po-Ebene zu Beginn der zwanziger Jahre immer mehr Anhänger gewannen. Hier boten sich die Faschisten mit ihren gewalttätigen Strafexpeditionen zur Unterdrückung solcher Bestrebungen als willige Helfer an und wurden nicht selten als Verwalter eingesetzt.


In dem schon zitierten Gespräch, das ich mit Giorgio Bassani 1989 in Rom führte, sagte er mir damals: „Ich bin in einer ganz faschistischen Umwelt aufgewachsen. Auch die Juden Ferraras waren Faschisten, weil sie wohlhabende Bürger waren. Und daher nicht daran dachten, dass der Faschismus rassistisch werden könnte. Zu Anfang hatte der Faschismus auch nichts gegen die Juden. Die engsten Freunde von Italo Balbo, einem aus dem Quadrumvirat der faschistischen Revolution, waren Juden. Selbst mein Vater war Faschist…“. (Schmidt 1991,155 )


Damit spielte Bassani darauf an, dass Italo Balbo, der aus der Umgebung von Ferrara stammte, und in der Frühzeit des Faschismus in der Provinz Ferrara für die Großgrundbesitzer die Landarbeiterbewegung zerschlagen hatte, mit dem jüdischen Bürgermeister von Ferrara, Renzo Ravenna, der von 1926 - 1938 amtierte, eng befreundet war (Pavan 2006). Balbo, der auch beim Marsch auf Rom einer der Anführer gewesen war, wurde später zum gefeierten Langstreckenpiloten und Luftmarschall Italiens. Er sprach sich 1938 gegen die Rassengesetze aus und geriet bei Kriegsbeginn in offenen Konflikt mit Mussolini, der ihn als Gouverneur Libyens nach Tripolis abschob. Mit Mussolini war er vor allem in Streit geraten, weil er dessen Annäherung an Deutschland scharf missbilligte. Er forderte sogar, man müsse Mussolini loswerden, bevor es zu spät sei, da Hitler ein böses Ende nehmen werde. 1940 wurde Balbo „versehentlich“ über Tobruk von der italienischen Flugabwehr abgeschossen. Feinde hatte er sich schon vorher wegen seiner ungehobelten Manieren gemacht, vor allem aber erregte er den Neid der faschistischen Oberen, weil der „Held der Lüfte“ nicht nur in der kleinen Stadt in der Poebene, sondern in ganz Italien eine sehr bedeutende Rolle als Idol der Jugend spielte.


An anderer Stelle, bei einer Konferenz über den Antifaschismus 1961 im Teatro Communale in Bologna nannte Bassani als Grund der Sympathie, mit der die große Mehrheit der Juden von Ferrara (und in ganz Italien) dem Faschismus begegnete, deren Konformismus und ihre Königstreue: „Die israelitische Gemeinde von Ferrara, in deren Schoß ich geboren und aufgewachsen bin, war eine kleine Stadt in der Stadt, so konformistisch und normal, auch sie, dass sie für nicht weniger als zwölf Jahre den Bürgermeister stellen konnte…Wir waren so konformistisch, so normal, so glücklich normal, dass uns vor Stolz und Rührung das Herz aufging, wenn die Autoritäten der Stadt bei der feierlichen Zeremonie aus Anlass des Jahrestages der Verfassung in der Synagoge des italienischen Ritus ihre Reden hielten…Es war, jedes Jahr, ein groteskes Schauspiel: traurig heute daran zu denken, nach Auschwitz und Buchenwald. Aber zu jener Zeit normal, das Normalste, was man sich vorstellen kann“. Und Bassani beschreibt, wie sie da nebeneinander saßen, der örtliche Miltärkommandant mit der weißen Feder am Barett, der Bürgermeister, der Polizeipräsident, der Präsident der Bürgerschaft und alle anderen, Katholiken und Juden vereint, „um das Fest der herrschenden Klasse zu feiern“ (Roveri 2002, 75 ff.). Man verehrte das Haus Savoyen und Mussolini war für die meisten Juden ein Idol.


Natürlich gab es auch warnende Stimmen und heftigen Widerstand unter den italienischen Juden gegen die faschistische Option. Sie standen zumeist der Arbeiterbewegung nahe, wie der Sozialist Claudio Treves, der Kommunist Umberto Terracini oder die Brüder Rosselli, Gründer von Giustizia e Libertà, die später im Pariser Exil von faschistischen Attentätern ermordet wurden.


Bassani, der 1934 sein Abitur gemacht hatte, und in der Nachbarstadt Bologna zu studieren begann, gehörte selbst unter dem Einfluss von bedeutenden Lehrern (wie Benedetto Croce und Carlo Ludovico Ragghianti) mit anderen Freunden in den Jahren von 1937-1943 zur antifaschistischen Untergrundbewegung, für die er als Kurier arbeitete. Im April 1943 organisierte der junge Schriftsteller, der zur liberal-sozialistischen Widerstandsgruppe des Partito d’Azione gehörte, in Ferrara das historische Geheimtreffen zwischen führenden Exponenten der antifaschistischen Parteien mit General Cadorna, um herauszufinden, ob Teile der Armee für einen Aufstand gegen die deutschen Streitkräfte bereit seien. (Roveri 2002,91ff.) Kurz danach wurde er verhaftet und mit anderen Antifaschisten ins Gefängnis an der Via Piangipane in Ferrara gesteckt. Wenige Monate später, nach dem Sturz Mussolinis durch den faschistischen Großrat im September 1943 kam Bassani frei und konnte mit seiner Frau nach Rom fliehen, wo er bis zur Befreiung der Stadt durch die Alliierten im Untergrund überlebte.


In den oben zitierten „Auskünften über mich“ schreibt er: „Im Laufe dieser für mich schicksalhaften Jahre…von 1937-1943 trennte ich mich völlig von meiner Familie, von meiner Stadt; ich war gewissermaßen allem, was mich bis dahin umgeben hatte, fremd geworden…“ (Schmidt, 1991, 19). Der Antisemitismus des Regimes war für Bassani aber, wie er selbst betonte, nicht das hervorstechende Motiv für seine Widerstandstätigkeit, sondern der Kampf gegen das totalitäre, Freiheit verachtende faschistische System.


Die antisemitische Wende Mussolinis

Wie stand es um den Antisemitismus des faschistischen Regimes? Sagte Mussolini vielleicht 1932 die Wahrheit, als er auf eine besorgte Frage des jüdischen Publizisten Emil Ludwig antwortete:Antisemitismus existiert nicht in Italien. Die jüdischen Italiener haben sich als Bürger stets bewährt und als Soldaten tapfer geschlagen. Sie sitzen in hervorragenden Stellungen an Universitäten, in der Armee, in den Banken. Eine ganze Reihe sind Generäle…“. (Schmidt 1991,84))

Selbst Antonio Gramsci hatte ja behauptet, Italien sei frei vom Antisemitismus gewesen (Wyrwa 2007,87)


Über diese Frage tobt seit langem ein Streit zwischen den Historikern. Das Bild eines Faschismus, der nicht anfällig für Antisemitismus gewesen sei, wurde vor allem von Renzo de Felice, dem Verfasser des Standardwerks “Storia degli ebrei italiani sotto il fascismo” (1961) und Autor einer mehrbändigen Mussolini-Biographie (1965-1997) verbreitet. Er insistierte besonders stark auf dem Unterschied zwischen italienischem Faschismus und deutschem Nationalsozialismus: „Der Faschismus sei anders als der Nationalsozialismus weder rassistisch noch antisemitisch gewesen“ (Schlemmer/Woller 2005, 166). Ihm widersprach Enzo Collotti schon 1989: Es sei Renzo de Felices geradezu obsessives Hauptanliegen gewesen, „das Gewicht der Verantwortung für die schweren Verbrechen des Nationalsozialismus vom italienischen Faschismus wegzunehmen, mit dem Risiko, die Karikatur eines guten im Gegensatz zu einem bösen Faschismus zu schaffen“ (Collotti 1989, nach: Moos, 30).


Viele der jüngeren Historikern sind Collottis kritischer Interpretationslinie gefolgt (vor allem Michele Sarfatti, Emilio Gentile, Roberto Maiochi und Liliana Picciotti Fargion in Italien, Carlo Moos in der Schweiz sowie Thomas Schlemmer und Hans Woller vom Münchner Institut f. Zeitgeschichte) und haben berechtigte Zweifel an der Weißwaschung des Duce und seiner italienischen Mitläufer geäußert. Sie haben nachgewiesen, dass antisemitische und rassistische Züge dem Faschismus durchaus von Beginn an inhärent waren. Carlo Moos kommt in seiner umfangreichen Studie mit dem Titel: "Ausgrenzung, Internierung, Deportation. Antisemitismus und Gewalt im späten italienischen Faschismus (1938-1945)" zu dem Schluss: „Dass es in Italien keine Judenfeindschaft gegeben habe, ist eine unangemessene Beschönigung. Möglicherweise war der christliche Judenhass hier sogar besonders ausgeprägt, weshalb die Bereitschaft zu einer Rassenpolitik im deutschen Stil gerade durch die „Conciliazione“ zwischen Regime und Kirche in den Lateranverträgen von 1929 gefördert worden sein könnte; dies jedenfalls bis zu dem Zeitpunkt, als die Brutalität der deutschen Maßnahmen nach der Besetzung des Landes für viele Katholiken manifest wurde“ (Moos 2004, 201).


Die rassistische Komponente des Faschismus zeigte sich zunächst vor allem gegenüber den deutschsprachigen Südtirolern, ebenso wie gegen Slowenen und Kroaten in der Provinz Venezia Giulia, vor allem aber in der Kolonialpolitik gegenüber Libyen, Eritrea und Somalia. Die „razza italiana oder italica“ wurde schon vor den Massakern an der Kolonialbevölkerung in Afrika in den dreißiger Jahren als „Herrenrasse“ definiert und „rassenschänderisches Verhalten“, also Vermischung von Einheimischen mit den weißen Besatzern verboten. Eine strikte Apartheitspolitik war die Regel. Der Ausschluss auch der Juden von der „razza italiana“ war nur eine logische Konsequenz dieser Politik, die in den Rassengesetzen von 1938 kodifiziert wurde. Auch die lange verbreitete Legende, Mussolini sei die rassistische Politik von Hitler aufgezwungen worden, ist letztlich unhaltbar. Zwar war das deutsche Modell einer rassistischen Politik durchaus ein Vorbild für Mussolini bei seinem Versuch, die Italiener zur „Herrenrasse“ zu erziehen, aber bereits 1925 finden wir bei Mussolini die Aussage: „Die Geschichte lehrt uns, dass man Imperien mit Waffen erobert, aber mit Prestige behauptet. Um Prestige zu haben, ist ein klares und strenges Rassenbewusstsein vonnöten, das nicht nur Grenzen zieht, sondern eine deutliche Überlegenheit begründet“ (Schlemmer/Woller 2005, 178). Mitte der dreißiger Jahre erforderte der Krieg gegen Abessinien dann aus Mussolinis Sicht endgültig die Umerziehung der italienischen Bevölkerung zu diesem Rassenbewusstsein. Die Juden, so gering ihr Anteil an der italienischen Bevölkerung auch war, boten sich in diesem Kontext als Mittel zum Zweck an, als Antipoden zur „italienischen Herrenrasse“. An ihnen konnte man die Differenz deutlich machen. Immer öfter flocht Mussolini rassistische und antisemitische Tiraden in seine Reden ein: „Es muss in die Köpfe hinein, dass wir keine Mongolen, Hamiten und Semiten sind. Und wenn wir also nicht von einer dieser Rassen abstammen, sind wir doch offensichtlich Arier und kommen von den Alpen her, vom Norden. Folglich sind wir reinrassige Arier mediterranen Typs“ (Schmidt 1991, 92)


Antisemitische Ausschreitungen hatte es zwar bereits 1923 in Tripolis (Libyen) gegeben, später war es auch in Livorno und Florenz zu Übergriffen gekommen. 1926 stürmten Squadristi die Synagoge von Padua. Aber das waren Einzelfälle geblieben. Richtig ist, dass es sich beim faschistischen Antisemitismus zunächst um eher randständige radikale Kräfte in der Bewegung handelte, die vor allem dem katholischen Lager nahe standen, wie der ehemalige Priester Giovanni Preziosi, der schon früh die „Protokolle der Weisen von Zion“ ins italienische übersetzt hatte, der katholische Intellektuelle Roberto Farinacci, „Ras von Cremona“, Mitglied des faschistischen Großrats und Herausgeber der Zeitschrift „Il regime fascista“ oder Telesio Interlandi, dessen antisemitisches Sprachrohr seit 1924 die Zeitung "Il Tevere" und später die Zeitschrift „La Difesa Della Razza“ waren. Ihr Einfluss auf die faschistische Politik wuchs nur langsam an, erreichte allerdings im Vorfeld der „Rassengesetze“ etwa ab 1936 einen ersten Höhepunkt, nicht zufällig im Kontext des Krieges gegen Abessinien, der rassistische Überlegenheitsgefühle in der Bevölkerung verstärken sollte.


War Mussolini noch in den zwanziger Jahren mit seiner jüdischen Geliebten, der Kunsthistorikerin Margherita Sarfatti, offen in den Mailänder Salons aufgetreten und arbeitete er noch 1932 -1935 mit einem jüdischen Finanzminister zusammen, so schob er den Juden im Rahmen seiner nationalen und außenpolitischen Propaganda nationaler Homogenität nun immer stärker die Rolle des inneren Feindes zu. Die sogenannte Ponte Tresa Affaire lieferte ihm dafür scheinbar Beweise. Zwei jüdische Antifaschisten aus Turin, die der von Carlo Roselli gegründeten Gruppe „Giustizia e Libertà“ angehörten waren beim versuchten Grenzübertritt in die Schweiz mit antifaschistischen Schriften ertappt worden, worauf vierzehn Verdächtige in Turin verhaftet wudren (darunter der Slawist Leone Ginzburg und der Maler und Schriftsteller Carlo Levi).


Als der Völkerbund 1935 (schwache) Sanktionen gegen Italien wegen des Überfalls auf Abessinien verhängte, sah Mussolini in den Juden die Drahtzieher des Antifaschismus im Ausland wie im Inneren. Zu Galeazzo Ciani, seinem Schwiegersohn und Außenminister, sagte er im September 1937, er wolle ein Buch über Europa im Jahr 2000 schreiben. Die „Rassen“, die dann eine wichtige Rolle spielen würden, seien die Italiener, die Deutschen, die Russen und die Japaner. Alle anderen Völker seien zu diesem Zeitpunkt längst „von der Säure jüdischer Korruption“ zerfressen worden (Schlemmer/Woller 2005, 177). Der Weg für den Ausschluss der Juden aus der italienischen Nation war also vorgezeichnet.


Die Vorbereitung und Durchsetzung der Rassengesetze

Wie reagierten nun die Juden, vor allem die Vertreter der jüdischen Gemeinden, auf die zunehmend deutlicher werdende Bedrohung?

Gegen den aufziehenden Antisemitismus hatte eine Gruppe faschistischer Juden in Turin, angeführt von dem jüdischen Bankier Ettore Ovazza, 1934 die Zeitschrift „La nostra bandiera“ gegründet, die eine Reform der Religionsausübung forderte mit dem Ziel, das hebräische Element zurückzudrängen. Diese Gruppe versuchte auch die Kontrolle über die "Unione delle Communità Israelitiche Italiane“ zu gewinnen, was ihr aber zunächst nicht gelang. Der Oberrabbiner der jüdischen Gemeinde von Rom, Aldo Lattes, rief im Dezember 1935 sogar die römischen Juden auf, Gold zur Unterstützung des faschistischen Kolonialkrieges in Abessinien zu spenden. An der patriotischen Haltung der Juden sollte kein Zweifel bestehen. 1937 gründeten die Herausgeber von Nostra Bandiera das "Comitato degli italiani di religione ebraica". Am 30. Mai 1938, also im Zuge der sich ständig verschärfenden antisemitischen Kampagne seitens der Regierung und der Presse, erklärte dieses Komitee, „entschiedene Feinde von jedweder jüdischen oder nicht-jüdischen, freimaurerischen, umstürzlerischen …Internationale zu sein“ und mit dem Zionismus „nichts gemein zu haben“. (Sarfatti 2007,149) Inzwischen hatten Vertreter des comitato die Mehrheit in den Gemeinden von Rom, Turin, Florenz, Livorno u.a. erlangt. Den wachsenden Antisemitismus erklärten sie ganz in Mussolinis Sinne mit Angriffen aus dem Ausland, für den „internationale antifaschistische Zentren“ verantwortlich seien. Michele Sarfatti schreibt: „Damit ging eine historische Epoche zu Ende, die deutlich macht, wie weit die Nationalisierung bei den italienischen Juden gegangen war, so weit nämlich, dass sie ihre Fähigkeit geschwächt hatte, den fortschreitenden Antisemitismus in Italien richtig einzuschätzen.“ (Sarfatti 2007, 153)


Die Mehrheit der italienischen Juden verhielt sich abwartend und vertraute darauf, dass es so schlimm schon nicht kommen werde. Bassani hat diese Haltung in dem Roman „Brille mit Goldrand“ beschrieben. In einem Gespräch zwischen dem jüdischen Rechtsanwalt Geremia Tabet und dem Polizeichef von Ferrara, Exzellenz Bocchini, das kurz vor Erlass der Rassengesetze geführt wird, versucht der Präfekt den Rechtsanwalt zu beruhigen: „Die Presse spräche zwar noch immer schlecht von den „Israeliten“… aber um höherer Motive willen, aus Gründen der Außenpolitik. Man müsste das verstehen. In diesen letzten Monaten hätte sich für den Duce die unausweichliche Notwendigkeit ergeben, die westlichen Demokratien glauben zu lassen, dass Italien nunmehr doppelt und dreifach mit Deutschland verbunden sei. Was für ein überzeugenderes Argument hätte er da finden können als ein bisschen Antisemitismus? Ein Gegenbefehl des Duce würde genügen, damit solche Dorfköter von der Art eines Interlandi oder Preziosi (der Chef der Polizei bezeugte eine ungemeine Verachtung für sie) augenblicklich aufhörten zu bellen“ (Die Brille mit dem Goldrand 1986, 103).


Oder hören wir den Vater des Erzählers in: „Die Gärten der Finzi-Contini“, wie er noch zwei Monate nach Erlass der Rassengesetze zu seinem Sohn, dem alter ego von Bassani, sagt: „Aber du musst doch zugeben: Hitler ist ein blutrünstiger Narr, während Mussolini alles mögliche sein mag, macchiavellistisch und bereit, den Mantel nach dem Wind zu hängen, was du nur willst, aber…“. Der Sohn unterbricht ihn abrupt, weil er „die alte Leier“ nicht mehr hören will (Die Gärten der Finzi Contini 1989, 81).


Und er sollte Recht behalten, Mussolini erwies sich als nicht weniger konsequent als Hitler, was die Ausgrenzung der Juden aus der Gesellschaft betraf. Im Februar 1938 hatte er zu erhöhter Wachsamkeit gegenüber den Juden aufgerufen. Gleichzeitig versicherte er sich der Unterstützung der Kirche und der Monarchie für die geplanten Maßnahmen gegen die Juden.

Inzwischen ist bekannt, dass Papst Pius XI. seit Sommer 1938 ein Lehrschreiben gegen den Rassismus und Antisemitismus plante, mit dem er weder das zuständige Heilige Offizium noch seinen Nachfolger Pacelli beauftragte. Zudem wollte er am 11. Februar 1939, dem Zehnjahrestag der Lateranverträge die Leugnung der nationalsozialistischen Judenverfolgung in der italienischen Presse und die Rassengesetze als Bruch der Verträge öffentlich anprangern. Pacelli dagegen wollte diesen Konfrontationskurs vermeiden, um das Konkordat nicht zu gefährden und Mussolini als Vermittler gegenüber Hitler zu behalten. Als Pius XI. am 10. Februar 1939 starb, ließ der Kardinalstaatsekretär Pacelli, der spätere Pius XII., die schon gedruckten Exemplare der geplanten Papstrede vernichten. Der Heilige Stuhl versuchte lediglich die Mischehen zu schützen und wies in den Verhandlungen nur daraufhin, dass die Nichtigkeitserklärung von Ehen mit konvertierten Juden nicht mit den Lateranverträgen von 1929 in Einklang stünden, was Mussolini nur teilweise berücksichtigte.(Schlemmer/Woller 2005,183) Im übrigen bewahrte der Vatikan Stillschweigen. Der König ließ durchblicken, dass er in diesen Fragen auf Seiten des Regimes stehe. (Levi, 2007,164).


Im Juli 1938 wurde das „manifesto della razza“, von einer Gruppe faschistischer Wissenschaftler veröffentlicht, das Mussolini selbst in Auftrag gegeben hatte. Es formulierte einen Dekalog, der von einer arischen „razza italiana“ ausging, die seit Jahrtausenden „rein“ geblieben sei und statuierte u.a.: „Die Juden gehören nicht zur italienischen Rasse“. Sie seien nicht europäischen Ursprungs und unterschieden sich „in modo assoluta“ von den Italienern (Schlemmer/Woller 2005,180). Im August erfolgte eine Sonderzählung der Juden, der „censimento degli ebrei“, der ergab, dass in Italien 58.412 Juden wohnhaft waren, unter ihnen 10.380 Ausländer. Auch 7.457 "Mischehen" wurden festgestellt (Moos 2004,39ff). Im September zwang eine königliche Verordnung zum „Schutze der Rasse in der faschistischen Schule“ alle jüdischen Lehrer und Schüler, die öffentlichen Schulen zu verlassen. Anfang Oktober verkündete der faschistische Großrat, das Weltjudentum sei die Seele des Antifaschismus und definierte erstmals, wer Jude sei (auf rein biologischer Grundlage). Widerstand kam nur von Italo Balbo und Emilio de Bono. Mussolini ließ sich davon nicht beeindrucken. Gegenüber Ciano erklärte er am 6.10.1938: „Das italienische Blut ist jetzt mit Antisemitismus geimpft. Also wird alles sich von selbst entwickeln…“ (Schmidt 1991, 94).


Das „Gesetz zum Schutz der italienischen Rasse“ wurde am 17. November 1938 verkündet, nachdem es vom König unterzeichnet worden war. Dieses Gesetz mit seinen 29 Artikeln, den Nürnberger Gesetzen in Deutschland durchaus vergleichbar, unterschied zwischen Juden, Nichtjuden und Zweifelsfällen, wobei „Dreivierteljuden“ zur „razza ebraica pura“ gehörten, alle anderen „di razza ebraica mista“ waren. Wer nur einen jüdischen Elternteil hatte und sich nicht zur jüdischen Religionsgemeinschaft zählte, galt als Nicht-Jude. Wo die Religions- oder Rassenzugehörigkeit der Eltern unbekannt war, wurden sie der „razza ebraica imprecisata“ zugerechnet. In der Praxis erwies sich diese Zuordnung allerdings nicht selten als untauglich. Außerdem gab es zunächst noch eine Reihe von Ausnahmen, die jüdische Frühfaschisten, Invalide oder Angehörige von Kriegsgefallenen betrafen.


Verboten wurden in dem Dekret die Eheschließung eines „arischen“ Italieners mit einer Person anderer Rasse. Solche Ehen konnten annulliert werden. Juden durften dem Militär nicht mehr angehören, keine Betriebe mit mehr als 100 Beschäftigten leiten, keinen Grundbesitz haben, der mehr als 5000 Lire wert war. Sie durften nicht mehr von staatlichen Verwaltungen auf allen Ebenen angestellt werden, aber auch nicht von parastaatlichen Institutionen, nicht von Universitäten, Banken oder Versicherungen. Nicht-arische Hausangestellte durfte nicht mehr beschäftigt werden (Moos 2004,48ff).


Es folgten in den nächsten Jahren zahlreiche weitere Dekrete, die die vollständige Ausgrenzung der Juden aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft Italiens zum Ziel hatten. Entgegen der Legende, diese Gesetze seien nur halbherzig durchgeführt worden, zeigen neuere Untersuchungen, dass der bürokratische Apparat hier „mit beispielloser Schnelligkeit und Gründlichkeit“ arbeitete (Levi 2007, 165).


Ausgrenzung und Deportation

Es kam also schlimmer als erwartet, auch in Ferrara. Der jüdische Bürgermeister Renzo Ravenna musste auf Weisung aus Rom zurücktreten, ausschließlich wegen seiner jüdischen Abstammung, wie es in der Begründung hieß. Da half es auch nicht, dass Italo Balbo sich gegen die Rassengesetze aussprach und mit ihm und seiner Familie in Rimini Urlaub machte und die Freundschaft aufrecht erhielt. Schon früher hatte er den Bürgermeister demonstrativ in das gleiche ristorante in Ferrara eingeladen, in dem kurz zuvor Hitler bei seinem Besuch in Italien gespeist hatte. (In Parenthese: Ravenna, der mit seiner engeren Familie im Krieg in die Schweiz fliehen konnte, bemühte sich bis zu seinem Tode 1961 um die posthume Rehabilitierung seines bewunderten Freundes Italo Balbo. Sein Sohn, der Anwalt Paolo Ravenna, sorfte als Vorsitzender der ferrareser Ortsgruppe von "Italia Nostra " jahrzehntelang erfolgreich für die Restaurierung des jüdischen Erbes und der Wallanlagen - der "mura" - der Stadt).

Wie sehr sich die Lage der Juden unter dem zunehmenden antisemitischen Klima verschlimmerte, erwies sich auch, als im Herbst 1941 faschistische Stoßtrupps sogar die Synagoge von Ferrara verwüsteten. Nach dem Kriegseintritt Italiens 1940 wurden die noch verbliebenen ausländischen Juden in Lagern interniert, zusammen mit den Juden, die der Staat als gefährlich ansah. Im Mai 1942 wurden die arbeitsfähigen Juden zum Arbeitsdienst gezwungen, auch Frauen und die früher noch verschonten Ausnahmen (Moos 2004, 69). Die Umsetzung dieser Maßnahmen verzögerte sich allerdings, weil gar nicht so viele Arbeitslager zur Verfügung standen. Immerhin sollen schätzungsweise 10.000 Juden dafür rekrutiert worden sein (Collotti nach: Schlemmer/Woller 2005; Moos 2004,74) Der Sturz Mussolinis im Juli 1943 stoppte diese Maßnahme zwar erst einmal und brachte denen, die im Süden Italiens interniert waren, wo nun Marschall Badoglio und die Alliierten das Sagen hatten, die Freiheit.


Mit der Übernahme der Macht durch die Deutschen in Italien, 45 Tage später, am 8. September 1943 und der Errichtung der faschistischen Republik von Salò verschärfte sich die Situation aber sofort wieder. Der faschistische Census zählte zu diesem Zeitpunkt noch 37.241 italienische und 9.415 ausländische Juden in Italien. Alle Juden, deren man habhaft werden konnte, wurden nun in die „campi di concentramento“ oder in Gefängnisse geschickt. Die Lager wurden in das deutsche Deportationssystem unter aktiver italienischer Mithilfe einbezogen. Besonders hart traf es die Gemeinde in Rom. Am 18.Oktober 1943 wurden nach einer Razzia 1037 jüdische Bürger, Männer, Frauen und Kinder, nach Auschwitz deportiert (Levi 2007,170). Papst Pius XII. bestellte zwar auf Drängen italienischer Honoratioren den deutschen Botschafter ein, erreichte aber nichts. Immerhin bestimmte er einige Tage nach der Judenrazzia kraft seines Amtes allgemeines „Kirchenasyl“ für alle jetzt untergetauchten und flüchtigen Juden in Rom und im besetzten Italien. Zu den Asylorten zählten die Klöster, andere kirchliche Häuser und Institute und der Vatikan selbst. Nach verlässlichen Schätzungen konnten sich allein in Rom bis zur Befreiung am 4. Juni 1944 in mindestens 150 kirchlichen Einrichtungen rund 4500 Juden versteckt halten.


Die Razzien der Deutschen gingen aber ungehindert weiter. Liliana Picciotti hat in ihrer akribischen Untersuchung „Il Libro della Memoria“ (2002) nachgewiesen, wie effizient die logistische und operative Mithilfe der faschistischen Helfershelfer, der „agenti fascisti“ und später der „brigate nere“ bei dem Aufspüren von Juden im ganzen Land gewesen ist. Von den ungefähr 6.800 deportierten Juden (Levi spricht von 7200 oder 17% der am 8.9.1943 in Italien lebenden Juden, Levi 2007, 169) wurden 2.000 von Italienern verhaftet, 2.500 von den Deutschen, 320 gemeinsam. Über die restlichen 2.000 gibt es keine zuverlässigen Angaben (Moos 2008,5). Nur 831 kehrten aus Auschwitz und den anderen Vernichtungslagern zurück. Insgesamt zählt Picciotti mindestens 8.259 jüdische Opfer des Holocaust in Italien, was einer Todesrate von 22,5% entspräche. Sarfatti schätzt die Opfer auf 7.700-7.900 (Moos 2008, 10 Fn.62).


In der italienischen Bevölkerung, die in ihrer großen Mehrheit lange Zeit, sei es aus Gleichgültigkeit, als Opfer der Propaganda oder aus Angst vor faschistischen Repressalien, der Diskriminierung und Verfolgung der Juden wenig entgegengesetzt hatte, wuchs nach der Besetzung des Landes durch die Deutschen und der Errichtung der faschistischen Republik von Salò die Solidarität mit den Opfern der rassistischen Verfolgung deutlich an. Der militante, eliminatorische Antisemitismus der Deutschen wurde von großen Teilen der Bevölkerung nicht unterstützt. Juden wurden vor den deutschen und faschistischen Häschern versteckt, beispielsweise von ehemaligen Hausangestellten oder Pächtern auf dem Lande (so überlebten auch Bassanis Eltern). Zwischen 1000 und 2000 Juden schlossen sich den Partisanen an und kämpften, teilweise in führender Position, gegen das deutsche Militär und die faschistischen Milizen. Insgesamt konnten damit knapp 30.000 Juden den Terror überstehen. Nimmt man Emigration, Flucht, Deportation und Ermordungen zusammen, so ging die jüdische Bevölkerung in Italien, nach Schätzungen von Picciotti gegenüber 1938 um 48% zurück (Moos 2008,6). Guri Schwarz, kommt auf einen Verlust von 40% und verweist auch auf die etwa 4000 Juden, die sich nach 1938 unter dem faschistischen Druck von ihrem Glauben lossagten (Schwarz, 2007, 1).


Rückkehr und Reintegration

Nach dem Krieg begann der mühsame Kampf der Juden um den Wiederaufbau jüdischen Lebens in Italien und die Restitution der gestohlenen Vermögen. Gegen die Intervention der katholischen Kirche unter Pius XII., die die Regierung Badoglio bereits 1943 darüber informiert hatte, dass die antisemitischen Bestimmungen der Rassengesetze gewisse Elemente enthalten hätten, die „einer Bestätigung“ bedürfen (Schwarz 2007,4; Levi 2007,169)), hatten die Alliierten im Waffenstillstandsabkommen mit den neuen Verbündeten im September 1943 die vollständige Abschaffung der Rassengesetze angeordnet. Im Januar 1944 wurden die „italiani considerati di razza ebraica“ wieder in ihre bürgerlichen Rechte eingesetzt. Die Konfiskationen der jüdischen Vermögen durch die Republik von Salò wurden erst im Oktober 1944 aufgehoben. Aber das bedeutete in der Praxis keineswegs die umstandlose Wiedereingliederung der ausgegrenzten jüdischen Minderheit, soweit sie überlebt hatte. Die Wiedereinsetzung in ihre berufllichen Positionen und die Anerkennung ihrer Vermögensrechte war ein mühsamer, oft auch erfolgloser Prozess. In einem Dekret vom Mai 1946 wurde den rassisch Verfolgten zwar das Recht auf die konfiszierten, eingefrorenen oder anders weggenommenen Besitztümer zugesprochen, aber mit der Restriktion, dass sie beweisen mussten, dass es die „Arier“ nicht in gutem Glauben erworben hätten (eine Bestimmung, die es weder in Frankreich noch in Deutschland gab). Langwierige Prozesse waren die Folge. Die Wiedereingliederung in berufliche Positionen war zwar Pflicht der Arbeitgeber, die sich dem aber oft, weil die Arbeitsplätze längst anderweitig vergeben waren, durch schmale Abfindungen und Versetzungen in den Ruhestand entzogen. 1950 musste die Unione delle Communità Israelitiche Italiane feststellen, dass die Reintegration im Hinblick auf die moralischen und politischen Aspekte zwar gelungen, was die ökonomische Seite betreffe aber vollständig unbefriedigend geblieben sei (Pavan, 2006, 15; Schwarz, 2007, 8 ff.).


In Ferrara war die jüdische Gemeinde um 183 Mitglieder ärmer, die die Lager nicht überlebt hatten. Die Situation der Überlebenden schildert ein eindringliches Schreiben der Präfektur von Ferrara an das Innenministerium vom November 1945:Sie haben nichts mehr. Ihre ökonomische Situation ist nicht nur das Resultat der Rassengesetze und der Beschlagnahme ihrer Unternehmen, sondern vor allem der Verwüstung, die ihr Besitz, Grundstücke und bewegliche Güter erlitten hat. Dadurch dass sie vollständig ihres Besitzes beraubt wurden und ihre Arbeitsplätze verloren haben, sind sie in einer Situation großer Not, in der substantielle und dauerhafte Hilfe nötig ist.“ (Pavan 2006a, 15. Übersetzung durch den Verf.)


Giorgio Bassani hat in seiner Erzählung „Eine Gedenktafel in der Via Mazzini“ mit der Gestalt des Geo Josz, der kahlgeschoren und zerlumpt als Überlebender aus Buchenwald zurückgekommen ist, den Rückkehrern aus den Lagern ein eindrucksvolles Denkmal gesetzt. Geo Josz, der seinen Namen auf den beiden Gedenktafeln für die Opfer am Portal der Synagoge in der Via Mazzini findet und dagegen protestiert, fügt sich nicht wieder in die Normalität ein und wird den Bürgern der Stadt zum ständigen Anstoß, weil er „von sehr weit aus einer Ferne (herkam), die viel größer war als die, aus der er tatsächlich zurückkehrte“. Er ist verantwortlich für ein unerhörtes Ereignis, dass eines schönen Abends, im Mai 1946 geschieht „während die jüngste Generation schöner Mädchen aus Ferrara langsam die Via Mazzini heraufgeradelt kam, im Begriff in die Piazza delle Erbe einzubiegen“, also am Ausgang des alten Ghettos. Er ohrfeigt nämlich vor aller Augen den alten Grafen Scocca, einen ehemaligen faschistischen Agenten und Spitzel, und löst damit eine gewisse Betroffenheit bei den Bürgern aus. Der Graf hatte sich bei Geo Josz nach dem Ende von dessen in Buchenwald ermordeten Vater erkundigt, “dem er sich, wie er sagte, immer sehr verbunden gefühlt habe“. Von da an erscheint Geo Josz „zum allgemeinen Erstaunen, in das sich Sorge und Unbehagen mischen, grotesk wie eine Vogelscheuche... wieder in den gleichen Kleidungsstücken, in denen er im August 1945 aus Deutschland heimgekehrt war, Pelzmütze und Lederjacke dabei nicht vergessen.“ Zwei Jahre später „verschwand er unversehens, wie eine Romanfigur, ohne die geringsten Spuren zu hinterlassen“ aus der Stadt. Die Bürger von Ferrara verstehen es nicht. „Sie schüttelten gutmütig den Kopf, pressten stumm die Lippen aufeinander und richteten den Blick nach oben. ‚Wenn er doch ein bisschen mehr Geduld gehabt hätte!’ fügten sie seufzend hinzu; und wieder meinten sie es ehrlich, und wieder waren sie aufrichtig betrübt. Schließlich erklärten sie, dass die Zeit, die alles in dieser Welt ins Lot bringt und dank der auch Ferrara glücklicherweise in seiner alten Gestalt aus den Ruinen wiederauferstand, dass die Zeit am Ende auch ihn beruhigt und ihm in sein eigentliches Geleise zurück geholfen hätte, geholfen im großen Räderwerk seinen Platz zu finden …Die Zeit hätte alles in Ordnung gebracht so, als ob nie etwas passiert wäre. Gewiss, man musste warten können. Man musste seine Nerven im Zaum halten können. Aber hatte man je erlebt, dass sich ein Mensch so unvernünftig benahm?“


Die Erzählung endet mit den Sätzen: „Die Antwort, die Lionello Scocca nach einigen Augenblicken stummer Verwunderung auf seine dringlichen, wenngleich höflichen Fragen erteilt wurde, bestand aus zwei blitzschnell gegebenen Ohrfeigen. Aber auf diese Fragen hätte auch ein unmenschlicher Wutschrei antworten können, ein Schrei, so laut, dass ihn die ganze Stadt, soviel von ihr noch hinter der intakt geblieben trügerischen Kulisse der Via Mazzini erhalten war, bis weit zum alten Stadtwall, voll Entsetzen gehört hätte“. (Eine Gedenktafel in der Via Mazzini, Ferrareser Geschichten 1985)


Abschließend: Was also unterschied den italienischen Faschismus vom deutschen Nationalsozialismus im Hinblick auf ihre Politik gegenüber den Juden?

Carlo Moos kommt zu dem Schluss: „Wenn der Holocaust – wie dies der Fall ist – für den Nationalsozialismus konstitutiv ist und geradezu das Maß seiner Singularität darstellt, lässt sich weder übersehen noch übergehen, dass der italienische Faschismus den Massenmord an den Juden nicht begangen hat. Zwar hat er alles mögliche dazu beigetragen, mehr als etwa Vichy-Frankreich, weil er als gleichberechtigter Achsenpartner und nicht als besiegter Vasall agierte….Deshalb war der Faschismus auch noch in der RSI Form mehr als ein bloßer Handlanger oder Zuträger, zu keinem Zeitpunkt aber der systematische Planer und Durchführer des Massenmords.“ (Moos 2004, 202f.)


Schlemmer/Woller bilanzieren: „Der italienische Faschismus ging bis 1943 in seiner Judenpolitik sehr weit und setzte eine Gesetzgebung ins Werk, die als die „weltweit härteste“ (so Collotti) nach der des Deutschen Reiches gelten muss. Anders als der Nationalsozialismus überschritt der Faschismus jedoch niemals die Grenze zum Mord“ (2005,188). Das änderte sich erst mit der Republik von Salò. Die Ursachen für die Differenz zum Nationalsozialismus werden in drei Faktoren gesehen: Erstens seien die radikalen Kräfte eines Vernichtungsantisemitismus vom Schlage der Preziosi und Farinacci in der faschistischen Partei immer in der Minderheit geblieben. Zweitens hätte sich die Monarchie als Referenzpunkt für das konservative Italien mit seinen Wertvorstellungen als Hemmschuh für radikale Antisemiten behaupten können, und drittens sei für den „Duce“ selbst der Antisemitismus nicht, wie bei Hitler, der zentrale Kern seiner Weltanschauung gewesen, sondern eher ein Instrument, dessen er sich in widersprüchlicher Weise bediente. „Das deutsche Vorbild war (bei der Entrechtung und Vertreibung der Juden) vermutlich eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung für die antisemitische Wende des Faschismus, die ohne starke auchtochtone Triebkräfte nicht denkbar ist“ (ebd. 2005, 200).



Literaturverzeichnis

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Levi, Fabio 2007: Die Verfolgung der italienischen Juden unter dem Faschismus, in: Jäger, G./ Novelli-Glaab, L. (Hg.): …denn in Italien haben sich die Dinge anders abgespielt. Judentum und Antisemitismus im modernen Italien, Berlin, S. 155-175

Moos, Carlo, 2004: Ausgrenzung, Internierung, Deportation. Antisemitismus und Gewalt im späten italienischen Faschismus (1938-1945), Zürich

Moos, Carlo 2006: Der späte italienische Faschismus und die Juden. Hintergründe und Folgen einer rassenpolitischen Wende,
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Picciotto, Liliana 2002: Il libro della memoria. Gli Ebrei deportati dall’Italia (1943-1945), (1. Aufl. 1991)

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Sarfatti, Michele 2007: Eine italienische Besonderheit: faschistische Juden und der faschistische Antisemitismus, in: Jäger, G./ Novelli-Glaab, L. (Hg.): …denn in Italien haben sich die Dinge anders abgespielt. Judentum und Antisemitismus im modernen Italien, Berlin, S. 131-154

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Schlemmer, Thomas/ Woller, Hans 2005: Der italienische Faschismus und die Juden 1922-1945, in: Vierteljahreshefte f. Zeitgeschichte 2/2005, S. 165-201

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Zitierte Werke von Giorgio Bassani:


Die Gärten der Finzi-Contini, Piper Verlag: München 1989 (11. Auflage)


Die Brille mit dem Goldrand, Piper Verlag: München 1986 (3. Auflage)


Ferrareser Geschichten, Piper Verlag: München 1985 (2. Auflage)

 

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